Daumen hoch. Interaktives Lernen im Museum für Kommunikation

Konzentriert steuert Sofia B.* das Flugzeug über Brandenburg hinweg. Die Maschine überquert Wälder, Seen und Dörfer, bis am Horizont eine Stadt auftaucht. Die Konturen werden deutlicher, schon sind Spree, Tiergarten und Fernsehturm zu erkennen – der Flieger nimmt Kurs auf Berlin. Der erste Testflug ist Sofia B.* gelungen.

Teilnehmerinnen Berufliche Orientierung für Migrantinnen sprechen über die Ausstellung

Mittwochmorgen, kurz nach neun

Gewöhnlich verbessern die 10 Frauen der Weiterbildung „Berufliche Orientierung für Migrantinnen“ um diese Zeit im FrauenComputerZentrum ihr Deutsch, arbeiten an ihrer beruflichen Zukunft oder bauen ihre IT-Kenntnisse aus. Heute jedoch hat Kursleiterin Dr. Jutta Franzen die Fortbildung ins Museum für Kommunikation verlegt.

In der Ausstellung „Gesten – gestern, heute, übermorgen“ geht es um alltägliche Gebärden und Handzeichen, um ihre Entstehung und um ihre Bedeutung für Kultur und Technik. Gerade nonverbale Kommunikation ist ein spannendes Thema für die Teilnehmerinnen, die so unterschiedliche Erstsprachen wie Arabisch, Polnisch, Farsi oder Tigrinya sprechen.

Faust, flache Hand, Stinkefinger

Eine Geste kennen alle: Den nach oben gereckten Daumen, die zur Faust geballten Finger: „Das ist positiv!“ Mit Facebook ist die Geste in der virtuellen Welt angekommen. Das „Gefällt mir“-Zeichen ist als international gebräuchliches Icon mittlerweile wichtiger denn als redebegleitende Geste.

Bei anderen Gesten sind sich die Frauen nicht auf Anhieb einig. Wofür steht die geschlossene Faust, wofür die flache Hand? Was bedeuten die gespreizten Zeige- und Mittelfinger außer dem Victory-Zeichen noch? Ein aus Daumen und Zeigefinger gebildeter Kreis, die anderen Finger abgespreizt – was kann das heißen?

Teilnehmerinnen Berufliche Orientierung für Migrantinnen im Museum für Kommunikation

„Ruf mich an!“

Wie eine Geste entsteht, zeigt die Ausstellung am Handzeichen fürs Telefonieren: Kleiner Finger und Daumen gestreckt, die anderen Finger angewinkelt, die Hand auf der Höhe des Ohres – mit heutigem Telefonieren mag diese Geste nicht mehr viel zu tun haben. Dennoch kennen sie auch jene, die einen klassischen Telefonhörer schon seit Jahren nicht mehr angefasst haben.

Eine Metallmanschette für die Hände?

Worum es an den einzelnen Stationen geht, ist nicht immer sofort klar. Gemeinsam versuchen die Frauen – auch mit Hilfe ihrer Smartphones – zu verstehen, was am Bildschirm, im Schaukasten oder in einer Installation zu sehen ist.

Eine Frau legt ihre Hände in die Manschette – und steht in typischer Merkel-Geste vor den anderen. „Wie fühlst du dich, wenn du die Hände zur Raute formst?“ Der Ausstellungsparcours regt dazu an, über die Effekte einzelner Gesten nachzudenken.

Teilnehmerin Berufliche Orientierung für Migrantinnen steuert gestisch ein virtuelles FlugzeugKein Grund mehr, sich die Hände schmutzig zu machen?

Aktiv werden können die Frauen auch dort, wo es um die Bedeutung gestischer Kommunikation für die Interaktion zwischen Mensch und Maschine geht.

Mit leichten (Hand‑)Bewegungen kann Sofia B.* das Flugzeug auf dem Bildschirm steuern, ohne dass direkter Kontakt nötig ist: Ein Sensor erfasst ihre Bewegungen und lenkt die Passagiermaschine über die virtuelle Erdkugel.

Ein Auto kann mithilfe eines Touchpads über kleinste Bewegungen der flachen Hand gesteuert werden. Diese Technik ermöglicht Menschen mit einer Querschnittslähmung, Auto zu fahren.

Präzise Bewegungen sind auch im Handwerk nötig: An einer virtuellen Töpferscheibe modelliert Ayana G.* mit ihren Händen einen Krug. Statt den feuchten Ton zu bearbeiten, greifen ihre Hände in die Luft. Das Tongefäß nimmt erst auf dem Bildschirm vor ihr Form an. Die Hände muss sie sich also nicht mehr schmutzig machen.

Teilnehmerin Berufliche Orientierung für Migrantinnen an einer virtuellen TöpferscheibeWeitere Exkursionen

Für viele Teilnehmerinnen ist es der erste Museumsbesuch in Berlin. Der letzte soll es aber nicht bleiben: Beim nächsten Mal wollen einige Frauen mit ihren Familien wiederkommen.

Auch innerhalb der Weiterbildung stehen noch weitere Exkursionen auf dem Programm: Im BIZ (Berufsinformationszentrum) Kreuzberg geht es um Jobsuche und Bildungsangebote, genau wie im Lernladen und im JobPoint Neukölln. Auch das Europäische Haus Unter den Linden wird die Gruppe besuchen.

BOM: nächster Start September 2019

Noch bis Ende Juni arbeiten die Frauen an ihrer beruflichen Perspektive, erstellen Bewerbungsunterlagen und verbessern ihr Deutsch. Die nächste kostenfreie Teilzeit-Weiterbildung „Berufliche Orientierung und berufsbezogenes Deutsch für Migrantinnen“ (BOM) beginnt am 16. September 2019. Sie richtet sich an erwerbslose Frauen mit Flucht- oder Migrationshintergrund.

In zwölf Wochen informieren sich die Teilnehmerinnen über Bildungssystem, Berufe und Arbeitsmarkt in Deutschland. Sie beschäftigen sich mit ihren persönlichen Kompetenzen, entdecken ihre Potenziale, erwerben elementares IT-Know-how und vertiefen ihre Deutschkenntnisse für Bewerbung und Beruf.

Unter dem Flugzeug sind mittlerweile einzelne Häuser und Straßen zu erkennen. Die Maschine ist zur Landung bereit. Dabei, sicher im Berliner Arbeitsleben zu landen, soll auch die FCZB-Fortbildung ihren Teilnehmerinnen helfen.

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*Namen von der Redaktion geändert

 

Die Weiterbildung ist Teil des Projekts IT-KNOW-HOW FÜR DEN WIEDEREINSTIEG. Das Projekt wird gefördert aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, Abteilung Frauen und Gleichstellung.