ELSI in der Stadtplanung

Der Workshop „We can do it! Frauen gestalten Technik & Stadt mit!“ war ein voller Erfolg!

Was passiert, wenn Technik vorwiegend von Männern entwickelt wird? Im schlimmsten Fall gefährdet das die Sicherheit von Frauen. Ein drastisches Beispiel dafür ist der ausschließliche Einsatz von „männlichen“ Crashtest-Dummys. Erst im Jahr 2022 wurde erstmalig ein Crashtest-Dummy hergestellt, der den anatomischen Gegebenheiten des weiblichen Körpers entspricht. Entwickelt hat ihn eine Frau – die schwedische Ingenieurin Astrid Linder. Zuvor hatte man einfach die Größe der „männlichen“ Dummys etwas verkleinert, ohne auf die unterschiedliche Form von Frauenkörpern einzugehen. Dabei ist bekannt, dass die Verletzungsgefahr bei Frauen aufgrund von falsch sitzenden Sicherheitsgurten bis zu dreimal höher ist als bei Männern.

INSPIRER soll zur aktiven Beteiligung an der Stadtplanung inspirieren

Auch im Jahr 2023 sind Frauen als Forscherinnen und Entwicklerinnen unterrepräsentiert. Dies führt dazu, dass die Bedürfnisse von Frauen in der Technikentwicklung oft vernachlässigt werden. Hier setzt INSPIRER an. Ziel dieses Projekts ist die Entwicklung einer inklusiven Mixed-Reality-App. Diese soll eine breite Palette von Menschen dazu inspirieren, sich aktiv an der Stadtplanung zu beteiligen. Als Partnerin im Bereich ELSI (kurz für: ethische, legale und soziale Implikationen) gewährleistet das FCZB von Anfang an die Integration ethischer, rechtlicher und sozialer Aspekte in den Entwicklungsprozess der App. Allgemeine Infos zum Projekt INSPIRER findest Du hier.

Frauen haben eigene Bedürfnisse in Bezug auf Stadtgestaltung

Die Bedeutung von ELSI, die spezifischen Fragen, die sich während der App-Entwicklung in diesem Zusammenhang stellen, sowie die Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen: All das wurde im Herbst 2023 in einem Workshop von unserer FCZB-Kollegin, der Diplompsychologin und ELSI-Expertin Christiane Kurz, erörtert und diskutiert. An diesem Workshop nahmen insgesamt 28 Frauen teil, die eine vielfältige Gruppe von interessierten Bürgerinnen unterschiedlichen Alters, mit verschiedenen beruflichen Hintergründen und unterschiedlichem Technikinteresse repräsentierten. Diese Vielfalt schafft optimale Voraussetzungen, um eine möglichst umfassende Berücksichtigung der Bedürfnisse von Frauen bei der Technikentwicklung sicherzustellen. Während des Workshops hatten die Teilnehmerinnen zudem die Gelegenheit, die INSPIRER-App zu testen.

Im Dialog wurde deutlich, dass Frauen in Bezug auf die Gestaltung der Stadt andere Anforderungen haben als Männer. Beim Thema Mobilität zeigte sich, dass Frauen oft mehrere kürzere Wege (für Einkäufe, Erledigungen, Bringen/Abholen der Kinder usw.), Männer eher wenige längere Strecken zurücklegen (z. B. zur Arbeit und zurück). Dies führt zu unterschiedlichen Bedürfnissen. Damit diese bei der Stadtplanung angemessen berücksichtigt und erfüllt werden können, ist es entscheidend, dass Frauen gleichermaßen die Möglichkeit erhalten, aktiv an diesem Prozess teilzuhaben und ihn mitzugestalten.

Unsere FCZB-Mitarbeiterin und Diplom-Psychologin Christiane Kurz beim Erläutern der ELS-Implikationen.

Im offenen Dialog: Wir hinterfragen Standards

Aktuell ist die Stadtplanung häufig von Standards geprägt, die sich an einer klassisch männlichen Lebensführung orientieren. Als ELSI-Partnerin hinterfragen wir diese Standards in der Technikentwicklung und überdenken sie grundlegend. In diesem Prozess spielen Prinzipien wie Autonomie, Privatsphäre, Gerechtigkeit, Würde und Sicherheit eine zentrale Rolle.

Um sich diesen Prinzipien zu nähern, wurden beim Workshop drei Thementische aufgebaut, an denen folgende Fragen gemeinsam mit den Teilnehmerinnen diskutiert wurden:

 

Zum Thema Selbstbestimmung:

  • Wodurch wird Ihre Entscheidung für/gegen einen Download und die Nutzung einer App beeinflusst?
  • Wie erfahren Sie überhaupt von Apps?
  • In welchen Fällen deinstallieren Sie Apps wieder?
  • Inwieweit können Sie abschätzen wie viele/welche Daten erfasst werden?
  • Gelten für Sie im Rahmen der Stadtentwicklung (hinsichtlich der Datenerfassung) andere Maßstäbe?

 

Zum Thema Sicherheit:

  • Was benötigen Sie, um sich im Umgang mit einer App sicher zu fühlen?
  • Wann/in welchen Situationen haben Sie ein ungutes Gefühl bei der Nutzung von Apps?
  • Haben Sie eigene Kriterien, die eine App erfüllen muss, und die Sie vor der Installation checken?
  • Welche Bedenken kommen Ihnen im Zusammenhang mit der Nutzung der INSPIRER-App?
  • Würden Sie sich mit Klarnamen anmelden?

 

Zum Thema Gerechtigkeit und Teilhabe:

  • Wie möchten Sie an Stadtentwicklung teilnehmen?
  • Was wünschen Sie sich dazu?
  • Sind Information zum aktuellen Stadtplanungsgeschehen eher eine Holschuld (der Bürger*innen) oder eher eine Bringschuld (der Behörde)?
  • Inwiefern könnte die INSPIRER-App Ihre Teilhabe an der Stadtentwicklung unterstützen/hemmen?

Wie geht es weiter?

Im Anschluss erfolgte ein offener und respektvoller Austausch über die gesammelten Antworten, in dem verschiedene Perspektiven beleuchtet und Lösungsansätze identifiziert wurden. Dabei waren sich alle einig: Workshops dieser Art sind notwendig, um Technologien künftig inklusiver gestalten und an die Bedürfnisse der Gesamtgesellschaft anpassen zu können. Denn: Die Welt ist (immer noch) ein Männerworkshop!

In unserem Workshop konnten wir weitere erforderliche Funktionen für die INSPIRER-App identifizieren. So sollen künftig die Bedürfnisse und Interessen der Bürger*innen ausreichend berücksichtigt werden. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen nun in den Anforderungskatalog für die weitere Softwareentwicklung ein.

Wir als FCZB freuen uns sehr, dass der Workshop von allen Beteiligten als sehr positiv wahrgenommen wurde. Während die App nun stetig weiterentwickelt wird, sorgen wir dafür, dass die gewonnenen ELSI-Erkenntnisse berücksichtigt und auch immer wieder neue Impulse miteinbezogen werden. Damit Technik künftig allen gerecht wird!

Das Projekt INSPIRER wird gefördert vom BMBF auf der Grundlage des Forschungsprogramms zur Mensch-Technik-Interaktion (MTI) TECHNIK ZUM MENSCHEN BRINGEN, Förderrichtlinie INTERAKTIVE SYSTEME IN VIRTUELLEN UND REALEN RÄUMEN – INNOVATIVE TECHNOLOGIEN FÜR DIE DIGITALE GESELLSCHAFT.