Für richtige Nerds wäre die Arbeit in meinem Team schwierig

Emma Bergmann, Software-Entwicklerin

Zum Auftakt unserer Online-Talk-Reihe Check IT: IT-Berufe in 90 Minuten – mit und für IT-Quereinsteiger*innen haben wir Mitte April ein Gespräch mit Emma Bergmann geführt.
Emma hat ursprünglich Sprachwissenschaften studiert und später einen Wechsel in die IT gewagt. Seit 9 Jahren arbeitet sie jetzt als Software-Entwicklerin für die öffentliche Verwaltung bei der Governikus GmbH und Co KG im Fachbereich Justiz.
Das offene Gespräch hat uns viel Spaß gemacht, überrascht und inspiriert. Dank Emmas großzügiger Erlaubnis können wir es hier nur leicht gekürzt und bearbeitet in seiner vollen Pracht und Inspirationskraft mit euch teilen.

Schön, dass du dabei bist, Emma. Erzähl gern etwas von deinem Arbeitsalltag als Software-Entwicklerin. Was tust du konkret  jeden Tag?  

Viel Zeit verbringe ich mittlerweile damit Auszubildende, Studierende und neuen Kolleg*innen im Team einzuarbeiten. Außerdem sitze ich in Abstimmungsmeetings, wo ich die Umsetzung von Anforderungen mit plane, Aufwände schätze und eben andere Leute auf den Weg helfe und in ihren Projekten unterstütze. Im Backend selbst programmiere ich natürlich auch, aber eher so konzentriert mal an einem Stück. Das hat damit zu tun, dass ich mit die dienstälteste Kollegin in meinem Team bin  und damit so genannte Senior-Entwicklerin (ab ca 6 Jahre im Job erreicht man diesen Punkt).

Hättest du mir mit 25 Jahren gesagt, dass ich irgendwann mal als Software-Entwicklerin arbeite, hätte ich dich ausgelacht.

Meistens läuft die Arbeit nicht so, wie man sich das so vorstellt oder im Film dargestellt wird, dass man allein mit dem eigenen Computer vor sich hinarbeitet.  Wir müssen uns gut absprechen, denn die meisten von uns arbeiten remote. Wir haben viele Videokonferenzen und Kleinteams ziehen sich häufig für schnelle Abstimmung in Break Out Rooms (dezentrale virtuelle Seminarräume in einem Konferenzsystem) zurück, um konkrete Fragen zu besprechen.

Die Aufgaben sind z.T. so komplex, da ist Kommunikation und gute Zusammenarbeit wirklich wichtig.
Für richtige Nerds wäre die Arbeit in meinem Team schwierig. Der Job in diesem schnelllebigen technologischen Bereich hält einen schon auf Trab. Man muss bereit sein, immer wieder etwas Neues zu lernen. Aber du kannst nicht alles wissen und auch nicht alles lernen, dafür braucht man Teams.

Was macht dir am Programmieren Spaß und was brauchst du dafür?

Technisch musst du erstmal hauptsächlich Java Programmieren können. Spaß macht besonders, strukturiert an eine Aufgabe heranzugehen, mir auszudenken, wie kann ich mit dem, was ich gelernt habe, die Anforderungen in der Realität auf eine Struktur im Programm abbilden. Und zwar so, dass andere das auch nachvollziehen können.

Wie verlief dein Quereinstieg in die IT?

Ich habe Sprachwissenschaften studiert und war dann wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem Bereich an der Uni. Mein Projekt lief aus, mir war klar, als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule das ist finanziell eine unsichere Perspektive für mich, alle 3 Jahre endet ein Projekt und es ist fraglich, ob und wie es weitergeht. Alleinerziehend, mit einem Kind wollte ich mehr Sicherheit in meiner beruflichen Zukunft. Also hab ich mich umgeschaut, hatte keine Ahnung wie es weitergeht.

Dann habe ich zufällig in einer Kinderzeitschrift eine Anzeige entdeckt: Willst du nicht Software-Entwicklerin werden? Beworben wurde eine Weiterbildung, die an der Uni angegliedert war und über die Arbeitsagentur mit Bildungsgutschein finanziert wurde. Da ich damals ALG I bezogen habe, war es möglich einen Bildungsgutschein zu bekommen.

Alleinerziehend, mit einem Kind wollte ich mehr Sicherheit in meiner beruflichen Zukunft.

Wie sich herausstellte, war es schon ein kleines Problem, dass ich kaum IT-Vorerfahrung hatte. Ich hatte nur in kurze Programmierangebote für Frauen in der Informatik an der Uni reingeschnuppert und ich hatte in meinem Job als Wissenschaftliche Mitarbeiterin auch ein bisschen mit Informatikern zusammengearbeitet, musste selbst schon mal kurze Anweisungen schreiben. Das war eigentlich zu wenig an Voraussetzungen, um an der Weiterbildung teilzunehmen. Aber ich hatte Glück, der Koordinator hat mich in das Programm aufgenommen, weil er mir das zugetraut hat.

 

Hat dir die Sprachwissenschaft geholfen, Softwareentwicklung zu lernen?

Das hat sicherlich geholfen, weil Programmieren ja auch auf einer Syntax beruht. Aber vor allem geholfen hat mir mein geisteswissenschaftliches Studium allgemein. Alle, die mit mir in der Weiterbildung waren und aus den Geistes- und Sozialwissenschaften kamen, konnten Programmieren gut lernen und haben nachher einen Job in der Softwareentwicklung bekommen, weil sie alle konzeptuell Denken können. Das ist für Programmierung wichtig, es geht immer um eine Vorstellung, ein Konzept, mit dem sich Vorgänge der realen Welt in der Struktur des Programms  abbilden lassen. Die wichtigste Fähigkeit, um Programmieren zu lernen ist strukturiert vorgehen können.

Das heißt der Quereinstieg lief recht easy?

Zeichnung: Hände auf einer Tastaur

Nein, es war ganz schön hart. 1 Jahr Weiterbildung in Teilzeit, plus ein halbes Jahr Praktikum.  Ein bisschen sehr spontan war meine Entscheidung damals. Im ersten Monat in der Weiterbildung kam ich an den Punkt, wo ich dachte, oh mein Gott, was habe ich bloß gemacht. Da hat mir die Bestärkung aus meinem Umfeld wahnsinnig geholfen, die Menschen in meiner Umgebung haben gesagt, das kannst du!

Nach der Weiterbildung habe ich nur zwei Bewerbungen geschrieben, wurde zweimal zum Gespräch eingeladen, in einem von beiden Unternehmen arbeite ich heute noch. Ich hatte Glück und vielleicht ein gutes Händchen dafür, wo ich mich beworben habe.

Und als ich dann in den Job eingestiegen bin, habe ich gemerkt, es fehlt noch viel drum rum. Es gibt viel, was man sich noch draufschaufeln muss als Quereinsteigerin und generell als Berufseinsteiger würde ich sagen. Die erste Zeit der Einarbeitung war schon hart.

Kann es sein, dass die Zeiten damals – vor 9 Jahren –  andere waren? Heute ist der Arbeitsmarkt für IT ja, nicht mehr so rosig, vor allem für Einsteiger*innen?

Nach wie vor gibt es einen IT-Fachkräftemangel und es gibt soo viele Tätigkeitsfelder in der IT – auch wenn es für Berufseinsteigerinnen vielleicht heute schwieriger ist, weniger Möglichkeiten vorhanden sind als zu meiner Einstiegszeit. 

KI wirbelt den IT-Job-Markt ganz schön durcheinander. Manche Unternehmen scheinen einfachere Programmierjobs schon von KI erledigen zu lassen oder sie stellen gerade keine neuen Leute ein, weil sie nicht wissen, wie die Entwicklung weiterläuft und nicht ins Risiko gehen wollen …

Die Frage, wie KI die Tätigkeitsfelder und Jobs in der IT verändert, ist meiner Meinung nach noch nicht ausgemacht. Es wird wahrscheinlich immer IT-Fachleute geben, aber sicher wird KI die Programmierarbeit verändern. KI-basierte Coding-Assistenten können schon jetzt einfache Aufgaben übernehmen und zukünftig sicher noch mehr eingesetzt werden. Ich würde jedem, der mit Programmierung zu tun hat empfehlen, z.B. Claude Code herunterzuladen und sich damit auseinandersetzen.

Gleichzeitig merken wir ja auch, dass KI-Tools, die angeblich Programmieren kinderleicht machen, viele Fehler und Müll produzieren. Es braucht immer Menschen, die das prüfen und einem Coding-Assistenten vernünftige und präzise Anweisung geben, was sie tun sollen – also erfahrene Software-Entwickler, die wissen, was für Ergebnisse gebraucht sind und auf welchem Weg sie erreicht werden können. Und dann gibt es Anwendungsbereiche, z.B. auch in meinem Arbeitsfeld der Justiz, die sind so komplex und sicherheitsbedürftig, dass KI hier Menschen vermutlich nie komplett ersetzen und allein programmieren können wird.

Andererseits kann KI auch wieder eine Chance für Berufseinsteiger sein, wenn Firmen darauf setzen, dass sie auch mit weniger erfahrenen Entwicklern gute Ergebnisse erzielen können.

 

Welche Bereiche gibt’s denn sonst noch in der IT und wie schätzt du die Nachfrage ein? Und was heißt eigentlich Frontend- und Backend-Entwicklung?

Frontend ist das, was du siehst, wenn du eine Anwendung öffnest: eine Webseite oder eine Programmoberfläche mit einem Formular, wo du Daten eingeben und speichern kannst, wo Daten visualisiert ausgegeben werden – die Benutzeroberfläche.

Im Backend werden die ganzen Geschäftsprozesse verarbeitet, Daten werden in einer Datenbank auf Servern abgespeichert und miteinander verknüpft, Abläufe und Funktionen werden über Programmieranweisungen in Gang gesetzt.

Man kann schon grob sagen, dass Frontend- und Backend-Entwicklung von zwei eher unterschiedlichen Kategorien von Menschen bevorzugt werden. In der Frontend-Entwicklung findest du eher designinteressierte Leute, die zum Teil auch aus dem Web-Design kommen. Tatsächlich fallen in diesem Bereich gerade Jobs weg, werden auch durch KI ersetzt. Das Backend ist technischer. Und je technischer der Job wird, desto begehrter ist man als IT-Fachkraft.

Hoch im Kurs und selten zu finden sind Experten für Developer Operations. Die arbeiten zwischen Softwareentwicklern und Systemadministration und schreiben Programme dafür, dass die Software in verschiedenen Server- und Softwareumgebungen getestet werden kann, und automatische Prozesse, die dafür sorgen, dass sie unter Sicherheitsaspekten zusammengefügt und ausgeliefert wird – ein breites Tätigkeitsfeld, wo viele verschiedene Kompetenzen und Wissen zusammenkommen müssen. Ebenfalls sehr stark gesucht und hoch im Kurs sind Sicherheitsexperten – hier ist viel Erfahrung und Spezialwissen gefragt.

Ok, aber welche Bereiche eignen sich denn für einen Quereinstieg, und welche formellen Bildungsvoraussetzungen braucht man dafür?

In der Projektleitung oder als so genannte Produkt Owner arbeiten einige Quereinsteiger. Menschen, die bereits aus der Entwicklung kommen, oder anderweitig das Projektgeschäft in der IT schon kennen, sind zwar immer gerne gesehen. Aber wie gesagt, in diesem Bereich arbeiten einige Quereinsteiger und bei Governikus auch viele Frauen.  

Support ist ein Bereich, wo man allgemein auch recht gut als Quereinsteigerin reinkommt, soweit ich weiß. Hier bearbeitest du alle Fragen, die von außen in das Unternehmen reinkommen, per Mail oder in einem Call Center. Im unteren Erfahrungslevel sind die zu bearbeitenden Anfragen noch recht gleichartig und können leicht beantwortet werden. Schwierigere Fälle leitest du an die Technikexperten weiter. 

Über die Zeit wächst dein Produktverständnis. Hier wird man eventuell auch Chancen haben, wenn man gar keine Ausbildung oder Studium abgeschlossen hat, sondern sich viel Wissen selbst beigebracht hat. Ohne formellen Abschluss wird man allerdings oftmals schlechter bezahlt. Bei Governikus gibt es hierfür einen Tarifvertrag, der für Fairness sorgt.

Und dann die unvermeidliche Frage, wie arbeitet es sich so als Frau in einem Tech-Umfeld?

Es ist schon oft so, dass ich alleine oder zu zweit als Frau bei einem Projekt dabei bin, aber in meinem Umfeld ist der Umgang auch mit den männlichen Kollegen sehr respektvoll, da hatte ich noch nie Probleme.

Sind Altersunterschiede relevant oder ist es ein Problem, dass Jüngere die Älteren überflügeln?

Es ist schon so, dass es einige Jüngere gibt, die vielleicht schneller sind und neuere Technologien schon aus dem Studium kennen, und wenn du jung bist und gerade fertig mit der Ausbildung, bist du ja auch günstig, das ist attraktiv für Arbeitgeber. Aber für bestimmte Aufgaben brauchst du dann einfach die Erfahrung und Expertise der Älteren, die die Jungen nicht mitbringen. Beides ist wichtig und hat seine Berechtigung.

Diversität ist essentiell in Teams.
Und Governikus ist stolz auf die Diversität, viele Menschen kommen auch aus unterschiedlichen Nationen.

Das ist interessant, oft hört man ja von der IT-Branche, dass Unternehmen in Punkto Vereinbarkeit  eher problematisch sind, dass entgrenzt gearbeitet wird und Teilzeitarbeit z.B. oft gar nicht geht.

Das kann ich für Governikus gar nicht bestätigen. Früher, als ich wegen der alleinigen Verantwortung für meine Tochter nur 25 Stunden arbeiten konnte, war das überhaupt kein Problem. Und als ich dann mehr arbeiten wollte auch nicht. Die meiste Zeit arbeite ich im Home Office und spare mir den Weg ins Büro. Entgrenztes Arbeiten kommt nicht vor. Ich kann mich überhaupt nur an ein einziges Mal erinnern, wo ich am Wochenende mal arbeiten musste.

Sehr cool. Das heißt, es kommt wirklich auf den Bereich und die jeweiligen Arbeitgeber*innen an. IT-Unternehmen in der öffentlichen Hand können hier eine gute Adresse sein und auch als Vorbild für andere wirken.

Letzte Frage: Bist du auch rückblickend glücklich mit deinem IT-Quereinstieg?

Ja, voll, ich hätte vorher nicht gedacht, dass dieser Job so gut zu mir passt. Gar nicht, weil ich rausgefunden hätte, dass eigentlich ein Tech Nerd bin, sondern weil mir strukturiertes Arbeiten liegt, weil ich gut auf Kosten-Nutzen-Relation und die Fachlichkeit achten kann und weil Kommunikation so einen wichtigen Teil der Arbeit

Danke dir für das Gespräch, Emma!

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Das Angebot Check IT – Orientierung für deinen digitalen Weg ist Teil des  Projektes IT- UND MEDIENKOMPETENZZENTRUM (IMZ). Es wird gefördert aus Mitteln der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung, Abteilung Frauen und Gleichstellung.